Megatrend Longevity: Warum gesund alt werden nichts mit Anti-Aging zu tun hat!
Megatrend Longevity: Warum gesund alt werden nichts mit Anti-Aging zu tun hat!
Tanja Klindworth
Inhalte Anzeigen 1) Longevity-Hype: Was wirklich hilft – und was nur Marketing ist! 1.1) Longevity ist aktuell eines der großen Gesundheits-Buzzwords. Was genau ist damit eigentlich gemeint – und was nicht? 1.1.1) Zurück zur Realität: Worum geht es bei Longevity wirklich? 1.1.2) Was Longevity wirklich von Wellness und Prävention unterscheidet…
Megatrend Longevity: Warum gesund alt werden nichts mit Anti-Aging zu tun hat!
Longevity ist mehr als ein Gesundheits-Buzzword: es beschreibt die wissenschaftlich gestützte Suche danach, wie wir die gesunde Lebensspanne verlängern – nicht, wie wir ewig jung bleiben. Genau darüber habe ich mich mit Dr. Ronald Burger unterhalten.
Longevity-Hype: Was wirklich hilft – und was nur Marketing ist!
Anders als klassische Anti-Aging-Versprechen geht es nicht um kosmetische Tricks oder Wundermittel, sondern um Prävention, Lebensstil und Maßnahmen, die Lebensqualität und Selbstständigkeit im Alter sichern. Im Mittelpunkt stehen belegbare Ansätze wie Ernährung, Bewegung, Schlaf und medizinische Früherkennung sowie die Frage, welche Interventionen wirklich das biologische Altern beeinflussen können. Diese Perspektive macht Longevity zu einem gesellschaftlich relevanten Thema – nicht zu einer Utopie.
Longevity ist aktuell eines der großen Gesundheits-Buzzwords. Was genau ist damit eigentlich gemeint – und was nicht?
Longevity ist – ähnlich wie Fitness oder Wellness – ein Begriff, den wir aus den USA übernommen haben. Sprachlich taucht er bereits im 15. Jahrhundert auf und beschrieb damals ganz allgemein alles, was ein langes Leben begünstigt.
In den vergangenen 20 Jahren hat der Begriff eine echte Renaissance erlebt, vor allem durch die Arbeit moderner Alternsforscher wie David SinclairoderPeter Attia. Sie untersuchen auf zellulärer Ebene, warum Zellen altern – und ob sich diese Prozesse beeinflussen lassen.
Wichtig ist dabei: Bislang handelt es sich überwiegend um Erkenntnisse aus Zellkulturen oder Tierstudien. Beim Menschen sind wir noch nicht so weit, das Altern tatsächlich „anzuhalten“.
Sinclair hat mit seinen Thesen dennoch eine große öffentliche Debatte angestoßen – bis hin zu sehr visionären Ideen, etwa der Vorstellung, Altern irgendwann komplett zu überwinden. Tech-Philosophen wie Ray Kurzweil gingen noch weiter und prognostizierten eine zukünftige Verschmelzung von Mensch, KI und Maschine – inklusive Unsterblichkeit.
Spätestens hier betreten wir jedoch das Reich der Utopie. Longevity mit Unsterblichkeit gleichzusetzen, führt in die Irre.
Zurück zur Realität: Worum geht es bei Longevity wirklich?
Darum geht es bei Longevity in der Praxis aktuell nicht um ewiges Leben, sondern um zwei realistische Ziele:
Die Verlängerung der Lebenszeit (die sogenannte Biological-Age-Hypothese – also das biologische Alter möglichst langsam steigen zu lassen)
Vor allem aber: die Verlängerung der gesunden Lebensspanne, der sogenannten Healthspan.
Fakt ist: In großen Studien mit über 85- und sogar über 100-jährigen Menschen zeigte sich, dass jeder Mensch letztlich an mindestens einer tödlich verlaufenden Erkrankung stirbt. Niemand stirbt „gesund“.
Aktuelle Studien zeigen, dass Menschen durchschnittlich die letzten 8,7 Jahre ihres Lebens gesundheitlich eingeschränkt sind und Hilfe benötigen. Neuere Daten aus den USA sprechen sogar von bis zu 13 Jahren.
Genau hier setzt Longevity an: Ziel ist es, diese Phase so kurz wie möglich zu halten.
Das ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Thema. Denn wenn Menschen länger gesund bleiben, explodieren die Gesundheitskosten nicht in den letzten Lebensjahren – ein Aspekt mit enormer wirtschaftlicher Relevanz.
Was Longevity wirklich von Wellness und Prävention unterscheidet
Das eigentlich Neue an Longevity sind weniger die Methoden als das „Wozu“. Viele Maßnahmen, die heute unter Longevity fallen, kennen wir seit Jahrzehnten:
aus der Prävention,
aus Wellness und Fitness,
aus der Salutogenese,
oder aus dem Biohacking.
Der entscheidende Unterschied ist der Zeithorizont.
Wellness denkt oft in Tagen oder Wochen. Prävention in Monaten oder Jahren. Longevity hingegen richtet den Blick konsequent auf die letzten Lebensjahre – die sogenannte „Crunchtime des Lebens“.
Longevity erweitert bestehende Gesundheitskonzepte um genau diese Perspektive. Und dieser neue Fokus hat auch neue Forschungsansätze, Tools und Interventionen hervorgebracht.
Die zentralen Prinzipien von Longevity – leicht erklärt:
Wenn man die Bausteine von Longevity betrachtet, zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Gesundheit entsteht durch Balance – nicht durch Extreme.
Es geht immer um zusammengehörige Gegensätze, die sich abwechseln müssen:
Atmen ↔ Atem anhalten
Gesunde Ernährung ↔ Fasten
Belastung ↔ Regeneration und Schlaf
Kälte ↔ Wärme
Gesundheit entsteht nicht durch „mehr“, sondern durch den richtigen Wechsel.
Aus dieser Beobachtung heraus entstand schließlich die Idee einer Longevity-Matrix: ein ganzheitliches Modell, das Körper, Geist und Umwelt miteinander verbindet und diese vier Grundprinzipien systematisch einordnet.
Warum erleben wir gerade jetzt diesen enormen Hype rund um Langlebigkeit und Präventionsmedizin?
Ein zentraler Treiber ist der demografische Wandel – und zwar in einer sehr speziellen Konstellation.
Die Babyboomer und die Generation X, zwei der kaufkräftigsten Generationen, werden älter. Beide sind in einer vergleichsweise sorgenfreien Zeit aufgewachsen, mit viel Bewegung, Sportangeboten und dem Selbstverständnis einer Leistungsgesellschaft. Sie wollen nicht „alt sein“ – 60 gilt heute als das neue 40.
Parallel dazu hat die technologische Entwicklung Gesundheit messbar und vergleichbar gemacht. Smartwatches, Gesundheits-Apps und Wearables liefern permanent Daten – und erzeugen den Wunsch, sich selbst zu optimieren und mit anderen zu vergleichen. Gesundheit ist damit vom Arztzimmer an das eigene Handgelenk gewandert.
Hinzu kommt der enorme Fortschritt in der Biotechnologie. Mikronährstoffe, genetische Tests oder Analysen zu Unverträglichkeiten sind heute niedrigschwellig verfügbar – oft mit mehr Informationen über den eigenen Gesundheitszustand als man sie im klassischen Arztgespräch erhält.
Spätestens mit der Corona-Pandemie ist zudem das allgemeine Gesundheitsbewusstsein deutlich gestiegen. Longevity trifft damit einen Nerv an der Schnittstelle von Prävention, demografischem Wandel und Selbstverantwortung, wie auch Zukunftsforschungsinstitute zeigen. Sollte sich Longevity ähnlich etablieren wie Fitness seit den 1960er-Jahren oder Wellness seit den 1980ern, wird uns das Thema über mehrere Generationen begleiten.
Wissenschaft vs. Lifestyle
Wie viel Wissenschaft steckt wirklich hinter dem Longevity-Ansatz – und wo beginnt Marketing?
Die bekanntesten Protagonisten der Longevity-Bewegung – etwa David Sinclair, Peter Attia oder Aubrey de Grey – kommen ursprünglich aus der Wissenschaft. Das verleiht dem Thema zunächst eine hohe Glaubwürdigkeit. Das eigentliche Problem liegt weniger in der Forschung selbst, sondern in ihrer extrem schnellen Popularisierung.
Wissenschaftliche Erkenntnisse brauchen normalerweise Jahrzehnte, um in der Gesellschaft anzukommen. Heute geschieht das oft innerhalb weniger Jahre – oder Monate.
Ein Beispiel sind die sogenannten Sirtuine, Enzyme, die eine Rolle im Zellstoffwechsel spielen. David Sinclair forscht seit den frühen 2000er-Jahren daran und verbindet sie mit Alterungsprozessen.
Bislang gibt es jedoch keine belastbaren, evidenzbasierten Studien, die einen verlässlichen Nutzen beim Menschen belegen.
Das ist zunächst kein Skandal – das ist Forschung. Nicht jede Hypothese bestätigt sich am Ende. Problematisch wird es dort, wo ungeklärte Forschungsergebnisse sofort vermarktet werden.
Genau hier beginnt das Marketing! Viele Produkte, die bereits im klassischen Anti-Aging – etwa in der Kosmetik – nicht funktioniert haben, werden nun unter dem Label „Longevity“ neu verkauft. Dieses Vorgehen verwässert den Begriff und führt dazu, dass inhaltliche Schwächen einzelner Angebote mit der wissenschaftlichen Substanz von Longevity insgesamt verwechselt werden.
Welche Methoden gelten aktuell als gut belegt – und bei welchen sollte man skeptisch bleiben?
Alles, was vor Longevity bereits wissenschaftlich gut belegt war, bleibt es auch im Longevity-Kontext.
Dazu gehört an erster Stelle Schlaf: Regelmäßiger Schlaf von sieben bis neun Stunden, möglichst zu festen Zeiten, ist klar evidenzbasiert und zählt zu den stärksten, aber oft unterschätzten Gesundheitsfaktoren.
In der Ernährung gelten aktuell zwei Konzepte als vergleichsweise stabil belegt: Zum einen das Scheinfasten nach Valter Longo, das Prozesse der zellulären Selbstreinigung (Autophagie) anregt. Zum anderen die mediterrane Ernährung, deren positive Effekte auf Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-Gesundheit und Gewicht in zahlreichen Metaanalysen gezeigt wurden.
Der stärkste einzelne Hebel für Longevity bleibt jedoch Bewegung.
Empfohlen werden mindestens zwei Einheiten Krafttraining pro Woche, ergänzt durch drei Einheiten ausdauerorientierte Bewegung. Gerade Krafttraining ist entscheidend, weil es dem altersbedingten Muskelabbau entgegenwirkt – einem der Haupttreiber für Gebrechlichkeit im Alter.
Auch der mentale Bereich ist relevant: Sinnhaftigkeit im Tun, ein Gefühl von Selbstbestimmung (Autonomie) und Aufgaben, denen man sich gewachsen fühlt, wirken nachweislich stabilisierend auf Gesundheit und Resilienz.
Skepsis ist dagegen angebracht, wenn einzelne Substanzen oder Methoden als „Wundermittel“ verkauft werden: Dazu zählen aktuell unter anderem NAD⁺, Metformin, Resveratrol, Senolytika, Rapamycin, Telomerverlängerung oder pauschale Verweise auf sogenannte Blue Zones.
Für keine dieser Interventionen gibt es bislang belastbare Belege, dass sie beim Menschen das Altern aufhalten oder die Lebensspanne signifikant verlängern.
Ein weiteres Problem liegt in der Selbstvermessung und Selbstoptimierung. Wenn Tracking, Kontrolle und Leistungsdruck in Zwanghaftigkeit, Stress oder soziale und psychische Kosten kippen, verfehlt Longevity sein Ziel. In solchen Fällen kann eine professionelle Begleitung sinnvoll sein, um wieder ein gesundes Maß zu finden.
Kosten & Zugänglichkeit
Longevity-Angebote wirken oft exklusiv und teuer. Ist gesunde Langlebigkeit nur etwas für Wohlhabende?
Die gute Nachricht: Die wirksamsten Longevity-Maßnahmen sind zugleich die günstigsten. Bewegung, Schlaf, Ernährung und Stressregulation kosten wenig – erfordern aber Konsequenz. Genau hier liegt das eigentliche Problem.
Der Mensch hofft nach wie vor auf die einfache Lösung: eine Tablette, eine Spritze, eine Anwendung – und alles ist erledigt. Der „heilige Gral“ der Gesundheit wird gesucht, ein moderner Jungbrunnen. Diese Sehnsucht ist menschlich, aber sie macht anfällig für Marketingversprechen.
Teurere Anwendungen wie hyperbare Sauerstofftherapie, Kältekammern oder Infusionstherapien können durchaus systemische Effekte haben. Eine eindeutige wissenschaftliche Evidenz speziell für Longevity fehlt jedoch bislang. Das liegt weniger an mangelnder Wirkung als an methodischen Problemen: Solche Verfahren lassen sich schwer standardisieren und langfristig untersuchen.
Sinnvoll können diese Methoden vor allem dann sein, wenn bereits gesundheitliche Einschränkungen bestehen, etwa bei Diabetes, Durchblutungsstörungen, Polyneuropathien oder Bluthochdruck. Hier können sie ergänzend zur klassischen Medizin Linderung bringen – sie ersetzen jedoch keine Basismaßnahmen.
Langfristig stellt sich auch die Frage, welche Rolle Krankenkassen und Präventionsprogramme spielen könnten, wenn gesunde Lebensjahre tatsächlich verlängert werden. Denn davon würde nicht nur der Einzelne, sondern auch das Gesundheitssystem profitieren.
Welche Maßnahmen bringen tatsächlich viel – auch ohne großes Budget?
Der größte Effekt entsteht dort, wo reale Defizite bestehen.
Mit zunehmendem Alter leidet ein Großteil der Bevölkerung an mindestens einer sogenannten Zivilisationskrankheit – oft lange, bevor sie medizinisch relevant wird.
Ein zentrales Thema ist der Muskelabbau (Sarkopenie). Viele Menschen, die keinen Sport treiben, verlieren kontinuierlich Muskelmasse. Dabei ist die Muskulatur eines der größten und wichtigsten Organsysteme des Körpers – sie macht bei untrainierten Menschen rund 40 Prozent, bei Kraftsportlern sogar bis zu 80 Prozent der funktionellen Körpermasse aus.
Für ihre lebenswichtigen Funktionen benötigt Muskulatur dauerhaft bestimmte Nährstoffe, darunter Kreatin, Vitamin D, Leucin und Omega-3-Fettsäuren. Nicht als „Wundermittel“, sondern als Grundlage für Stoffwechsel, Stabilität und Leistungsfähigkeit. Denn ein Großteil unseres Stoffwechsels findet in den Muskelzellen statt.
Im nächsten Schritt geht es darum, individuelle Defizite zu erkennen, idealerweise durch Labordiagnostik. Diese liegen häufig noch weit unterhalb eines krankhaften Mangels – lassen sich aber gezielt ausgleichen. Ob über Ernährung oder Supplemente ist dabei zweitrangig.
Problematisch ist die verbreitete Annahme, normales, gesundes Essen reiche automatisch aus. Wäre das der Fall, wären viele altersbedingte Erkrankungen deutlich seltener. Die Realität zeigt etwas anderes.
Ergänzend können – je nach individueller Situation – diagnostische und therapeutische Maßnahmen sinnvoll sein, etwa Schlafanalysen, Atemdiagnostik oder Herzratenvariabilitätsmessungen. Auch Verfahren wie Kälteanwendungen oder Sauerstofftherapien können unterstützend wirken, ersetzen jedoch keine grundlegenden Lebensstilfaktoren.
Entscheidend ist weniger die Frage „Was wirkt am stärksten?“ als „Was brauche ich wann?“
Denn der körperliche Höhepunkt liegt bei den meisten Menschen zwischen 25 und 30 Jahren. Danach beginnen schleichende Veränderungen – bei jedem. Wer erste Warnsignale ignoriert und auf Selbstheilung hofft, verpasst wertvolle Zeit für Prävention.
Praxis & Alltag
Wenn jemand ganz pragmatisch starten möchte: Was sind die drei wichtigsten Stellschrauben für mehr gesunde Lebensjahre? Reicht es, die Ernährung umzustellen – oder geht es nicht ohne Supplements?
Wer es pragmatisch angehen will, sollte sich auf drei grundlegende Stellschrauben konzentrieren:
Bewegung
Schlaf
Ernährung
Diese drei Faktoren haben die mit Abstand beste wissenschaftliche Evidenz – und sie wirken zusammen, nicht isoliert.
Theoretisch wäre ein gesunder Lebensstil auch ohne Supplemente möglich.
In der Praxis ist das jedoch schwierig. Ein Beispiel aus dem Klinikalltag: Viele Menschen haben über Jahre wenig auf ihren Körper geachtet – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Würde man bei diesen Personen täglich nur 300 bis 400 Kilokalorien einsparen und das gesparte Geld in eine konsequente Vitamin-D-Versorgung investieren, würden viele deutlich gesünder aus der Behandlung entlassen.
Supplemente sind kein Ersatz für einen gesunden Lebensstil, können ihn aber sinnvoll unterstützen. Gerade bei Bewegung, Muskelaufbau und Regeneration spielen bestimmte Mikronährstoffe eine wichtige Rolle. Sie machen gesunde Entscheidungen nicht überflüssig – sie erleichtern sie.
Entscheidend ist dabei nicht „mehr“, sondern bedarfsgerecht.
Wer glaubt, mit ein paar Kapseln schlechte Ernährung, Bewegungsmangel oder Schlafdefizite ausgleichen zu können, unterliegt einem Marketingversprechen – nicht der Wissenschaft.
Bewegung ist eine Säule für ein „langes & gesundes“ Leben
Welche Rolle spielen moderne Diagnostik und individuelle Messwerte wirklich – und wo reicht gesunder Menschenverstand?
Moderne Diagnostik spielt im Longevity-Ansatz eine zentrale Rolle – aber nicht als Selbstzweck.
Das klassische Gesundheitssystem greift meist erst dann, wenn Menschen krank sind. Genau hier liegt ein strukturelles Problem: Prävention findet im System kaum statt.
Longevity steht nicht im Gegensatz zur Schulmedizin, sondern ergänzt sie auf der präventiven Seite – dort, wo Fitness, Lebensstil und frühzeitige Warnsignale eine Rolle spielen. Allerdings erreichen diese Angebote vor allem Menschen, die sich aktiv mit ihrer Gesundheit beschäftigen.
Der oft zitierte „gesunde Menschenverstand“ reicht allein nicht aus. Wenn er ausreichen würde, hätten wir kein flächendeckendes Problem mit Übergewicht, Bewegungsmangel und Stoffwechselerkrankungen.
Individuelle Messwerte – etwa zu Herzratenvariabilität, Schlafqualität, Stresslevel, Blutzucker oder Blutdruck – können frühzeitig zeigen, wo ein System aus dem Gleichgewicht gerät, lange bevor eine Diagnose gestellt wird. Wichtig ist dabei die Interpretation: nicht krankheitsorientiert, sondern gesundheitsorientiert.
Das erfordert jedoch ein Umdenken – auch bei Ärzten. Viele präventive oder longevity-orientierte Leistungen sind derzeit keine Kassenleistungen und werden als individuelle Gesundheitsleistungen angeboten. Das ist kein böser Wille, sondern Ausdruck eines Systems, das primär auf Behandlung statt auf Vorbeugung ausgelegt ist.
Die Medizin der Zukunft braucht daher stärker präventiv denkende Ärztinnen und Ärzte, die bereit sind, Daten ganzheitlich zu betrachten: Körper, Lebensstil, Stress und Umwelt gemeinsam – nicht isolierte Laborwerte.
Genau an dieser Schnittstelle beginnt Longevity!
Risiken & Grenzen
Kann der Longevity-Gedanke auch problematisch sein – etwa durch Leistungsdruck, Angst vor dem Altern oder permanente Selbstkontrolle?
Ja, absolut – wenn Longevity falsch verstanden oder falsch gelebt wird.
Das Problem entsteht nicht durch das Ziel eines gesunden Lebens, sondern durch eine übersteigerte Form der Selbstkontrolle, die in Druck, Angst und Zwang kippt.
Typische problematische Ausprägungen sind:
zwanghaftes oder restriktives Essverhalten
exzessives Training ohne ausreichende Regeneration
datengetriebene Angst, wenn Messwerte permanent kontrolliert und überinterpretiert werden
Biohacking ohne medizinische oder funktionale Indikation
und nicht zuletzt soziale Erosion, wenn Gesundheit zum alleinigen Lebensinhalt wird
Longevity soll Lebensqualität erhöhen – nicht Lebensfreude ersetzen.
Wenn jede Mahlzeit, jede Bewegung und jede Nacht unter Leistungsdruck steht, verfehlt der Ansatz seinen eigentlichen Sinn. Altern ist kein Defekt, den man „wegoptimieren“ muss.
Entscheidend ist deshalb Maß und Kontext. Longevity ist kein Wettbewerb und kein Kontrollinstrument, sondern eine Orientierungshilfe für ein langfristig gesundes Leben.
Gibt es Menschen, für die Longevity-Programme eher nicht sinnvoll sind?
Grundsätzlich richtet sich Longevity an alle – denn im Kern geht es schlicht um gesundes Leben. Die wichtigsten Stellschrauben sind universell:
ausgewogene Ernährung
regelmäßige Bewegung
guter Schlaf
mentale Stabilität
Ergänzende Methoden wie Atemübungen, Atempausen oder gezielte Kälte- und Wärmereize gehören ebenfalls zu natürlichen Reizen, mit denen der menschliche Körper evolutionär vertraut ist – auch in unseren Breitengraden.
Einschränkungen gelten jedoch für spezielle Tools und Interventionen: Anwendungen wie Kältekammern, intensive Atemtechniken oder bestimmte Trainingsformen haben klare Kontraindikationen. Auch bestehende Erkrankungen können einzelne Methoden ausschließen oder eine ärztliche Begleitung erforderlich machen.
Longevity ist kein starres Programm, sondern ein individuell anpassbarer Rahmen.
Nicht alles ist für jeden sinnvoll – und genau darin liegt der Unterschied zwischen seriöser Prävention und pauschalem Wellness-Marketing.
Persönliche Perspektive(n)
Was hat dich persönlich am meisten überrascht, seit du dich intensiv mit Longevity beschäftigst?
Mich hat vor allem überrascht, wie viel Widerstand es im Umfeld von Spa, Wellness und Gesundheit gibt.
Longevity wird dort häufig als Konkurrenz zum eigenen Angebot wahrgenommen, statt als sinnvolle Erweiterung. Dabei geht es nicht darum, bestehende Konzepte zu ersetzen, sondern sie langfristig zu ergänzen – mit einem klaren Ziel: Menschen so zu begleiten, dass sie bis ins hohe Alter möglichst aktiv und selbstständig bleiben.
Besonders kritisch sehe ich den Satz: „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Denn vieles, was wir heute über Alterungsprozesse wissen, war früher schlicht nicht bekannt – oder wurde nicht mit derselben Zielsetzung betrachtet. Selbst wenn ähnliche Maßnahmen eingesetzt wurden, fehlte oft das entscheidende „Wozu“.
Genau dieses „Wozu“ ist der Kern von Longevity. Nicht das Warum im Sinne einer kurzfristigen Motivation, sondern die klare Ausrichtung auf die letzten Lebensjahre macht den Unterschied.
Unterwegs in Magglingen (Schweiz)
Wenn du den aktuellen Hype in einem Satz einordnen müsstest: Was sollten Menschen daraus mitnehmen – und was getrost ignorieren?
Wir werden auch ohne Longevity-Trend immer älter – aber oft mit weniger Geld und schlechterer Gesundheit.
Genau deshalb sollten wir Longevity nicht als Lifestyle-Hype, sondern als gesellschaftliche Herausforderung begreifen und aktiv gestalten.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Diskussion um Longevity Finance, also die Frage, wie längere Lebensspannen Rentensysteme, Gesundheitskosten und soziale Strukturen verändern. Longevity ist damit kein individuelles Luxusproblem, sondern ein kollektives Thema.
Ignorieren sollte man dagegen den Hype um jedes neue Gadget, jede Technologie oder das nächste vermeintliche Wundermittel. Relevant ist nicht das Tool, sondern der Kern des Ansatzes: langfristige Prävention, Eigenverantwortung und realistische Maßnahmen.
Wer das versteht und ins Handeln kommt, profitiert – unabhängig vom Trend.
Was würdest du jemandem raten, der einfach „gut alt werden“ möchte – ohne sein Leben komplett umzukrempeln?
Vorausgesetzt, man bringt ein Mindestmaß an Vernunft mit, ist die Antwort ernüchternd – und befreiend zugleich: Es gibt keine Abkürzung!
„Just do it“ funktioniert nicht von der Couch aus.
Dr. Ronald Burger – Wissenschaftlich fundierter Longevity-Coach
Dr. Ronald Burger ist promovierter Sportwissenschaftler, Gesundheits- und Schlafcoach mit über 20 Jahren Erfahrung in Forschung und Praxis. Als CEO von SOURCE Gesundheitsberatung arbeitet er an der Schnittstelle von Wissenschaft, Prävention und Longevity und setzt dabei konsequent auf evidenzbasierte Strategien statt kurzlebiger Gesundheits-Trends.
Seine berufliche Laufbahn umfasst die Zusammenarbeit mit Leistungssportlern aller Altersklassen, darunter Bundesligaprofis, Leichtathleten und Motorsportler, und verbindet wissenschaftliche Analyse mit praktischer Umsetzung. Dabei spielt nicht nur körperliche Fitness eine Rolle, sondern auch die Verknüpfung von Stress, Regeneration und Lebensstil – mit dem Ziel, langfristig Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen.
„Longevity beginnt nicht mit Hightech, sondern mit Konsequenz. Wer bereit ist, Verantwortung für den eigenen Körper zu übernehmen, muss sein Leben nicht umkrempeln – aber er muss es bewusst führen.“
Tanja Klindworth ist nicht nur das Herz der SPANESS-Redaktion. Sie schreibt darüber hinaus auch für andere Blogs, Webseiten, Reise- und Fachmagazine. Ob online oder als Print-Variante. Ihre Fachbereiche sind: Wellnesstrends, Gesundheit, Urlaub und Reise. Zusätzlich ist sie auch als Reisebloggerin tätig.
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