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Blick ueber Bingen vom Turm auf dem Rochusberg Bingen

Wellness nach Hildegard von Bingen: Auf Spurensuche in Bingen

Wer war eigentlich diese Hildegard von Bingen? Sie lebte im 12. Jahrhundert. Sie kannte weder Wellnesshotel noch Spa, doch sie hatte schon erstaunlich moderne Ansichten was das Thema Wohlbefinden und Longevtiy anging

spaness.de

Wellness nach Hildegard von Bingen: Auf Spurensuche in Bingen



Was braucht ein Mensch, um sich wirklich wohlzufühlen? Gutes Essen? Bewegung? Zeit in der Natur? Ruhe? Gesellschaft? Musik? Oder vielleicht von allem ein bisschen?

Eine Antwort darauf findet sich ausgerechnet im Mittelalter und genau hier habe ich mich auf Spurensuche durch Bingen begeben. Einst dem Lebens- und Wirkungsraum von Hildegard von Bingen.

Sie lebte im 12. Jahrhundert. Sie kannte weder Wellnesshotel noch Spa, weder Yoga-Retreat noch Work-Life-Balance. Und trotzdem begegnet einem in ihren Schriften immer wieder ein Gedanke, der erstaunlich modern wirkt: Der Mensch ist keine Ansammlung einzelner Körperteile, sondern eingebunden in Natur, Ernährung, Seele, Gemeinschaft und eine größere Ordnung. Spannend – oder?! Genau deshalb habe ich mich auf den Weg nach Bingen gemacht, um die Stadt einmal aus einer anderen Perspektive zu entdecken.

Denn wer hier auf den Spuren Hildegards unterwegs ist, besucht nicht einfach eine historische Persönlichkeit. Man wandert durch Weinberge, steigt auf den Rochusberg, schaut über Rhein und Nahe, entdeckt Kräutergärten, Klosterreste und Orte der Stille und landet irgendwann fast automatisch bei der Frage: Was tut eigentlich wirklich gut?

Blick ueber Bingen vom Turm auf dem Rochusberg Bingen

Hildegard von Bingen: Wer war diese Frau eigentlich?

Beginnen wir mit der eindrucksvollen Frau, die bis heute einen ganzen Teil der Region prägt. Hildegard von Bingen wurde 1098 geboren. Als Kind kam sie zur religiösen Erziehung zu Jutta von Sponheim auf den Disibodenberg. Nach Juttas Tod wurde Hildegard 1136 zur Leiterin der dortigen Frauengemeinschaft. Wenige Jahre später setzte sie sich gegen Widerstände durch und gründete auf dem Rupertsberg bei Bingen ihr eigenes Kloster. Dort entstand ein wesentlicher Teil ihres Werkes. 1179 starb sie schließlich auf dem Rupertsberg.

Das klingt zunächst nach einer klassischen Klostergeschichte. Doch Hildegards Leben verlief alles andere als abgeschieden. Für ihre Zeit war sie in der Tat so etwas wie eine Rebellin oder gar Superheldin. Sie schrieb umfangreiche theologische Werke, beschäftigte sich mit Natur- und Heilkunde, komponierte Musik, verfasste Briefe und trat öffentlich auf. Sie stand mit geistlichen und weltlichen Herrschern ihrer Zeit in Kontakt und unternahm Predigtreisen. Das war gerade zu der Zeit mehr als spektakulär, denn nur wenige Menschen konnten schreiben, lesen und durften öffenltiche Reden halten und zu diesen Menschen gehörten dann auf gar keinen Fall Frauen. Ihre außergewöhnliche Stellung wurde schließlich auch von der katholischen Kirche anerkannt: 2012 erhob Papst Benedikt XVI. sie zur Kirchenlehrerin.

Gut zu wissen: Hildegard war wohl ein krankheitsanfälliges Kind. Vermutlich interessierte sie die Pflanzenheilkunde daher besonders. Ihr Bestreben war auf alle Fälle die ganzheitliche Heilung des Menschen. Der Mensch besteht aus Geist, Materie, Seele und Leib. Unsere Gedanken und Gefühle beeinflussen alle organischen Vorgänge, eine positive Haltung und Lebenseinstellung bringen Kraft und Gesundheit. Auch das hört sich doch sehr nach einem unfassenden Wellness-Lifestyle an – oder?!

Kapelle auf dem Rochusberg in Bingen

Und noch etwas macht sie für eine Reise nach Bingen interessant: Hildegard war keine Frau, die Natur und Mensch getrennt voneinander betrachtete. Sie wußte, dass die Dinge zusammenhängen und sie wußte, dass der Mensch als Ganzes betrachtet werden muß. Ihr war bereits klar, eine Erkrankung hat immer eine Ursache und die gilt es an der Wurzel zu packen. Genau hier setzt eben auch unsere modern betrachtete Verbindung, zu unserem heutigen Verständnis von Wohlbefinden, an.

Gut zu wissen: Hildegard von Bingen definierte schon damals die Quellen der Kraft für Wohlbefinden und Gesundheit wie z.B. die Freude am Essen mit einem guten Gewissen -> auch heute ein nicht unwichtiges Thema, welches die Menschen bewegt <- oder aber das rechte Maß finden, Gerechtigkeit und Nächstenliebe ausüben und Geborgenheit vermitteln. Ist all das nicht die Grundlage für ein Leben voller Wohlbefinden und für einen mordernen Wellness-Lifestyle?

Blick vom Rochusberg auf den Rhein hinter der Kapelle auf dem Rochusberg

Und was hat Hildegard mit Wellness zu tun?

Nüchtern betrachtet, zunächst eigentlich gar nichts. Das Wort Wellness existierte im 12. Jahrhundert nicht. Und Hildegards Schriften sind auch kein mittelalterliches Wellnessprogramm.

Trotzdem tauchen in ihrem Denken erstaunlich viele Themen auf, die uns auch heute beschäftigen, wenn wir über unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit nachdenken: Ernährung, Bewegung, Natur, Lebensrhythmus, seelisches Gleichgewicht, Freude, Maßhalten und die Frage, wie der Mensch mit sich selbst und seiner Umwelt lebt.

Hildegards naturkundliches Werk „Physica“ beschreibt Pflanzen, Bäume, Tiere, Steine und Metalle sowie deren Eigenschaften und die ihnen zugeschriebenen Wirkungen. Die Binger Stadtgeschichte verweist auf beinahe 300 beschriebene Kräuter, Sträucher und Bäume. Ihr Gesundheitsverständnis war dabei tief im Wissen und den Vorstellungen ihrer Zeit verwurzelt. Es lässt sich deshalb nicht eins zu eins in moderne Medizin übersetzen.

Diese Abgrenzung und Unterscheidung ist wichtig: Denn Menschen wie Hildegard von Bingen oder auch Sebastian Kneipp werden heute gern zur (mittelalterlichen) Gesundheits-Influencerin gemacht. Dinkel, Fenchel, Kräutertee und ein bisschen Entschleunigung und fertig ist das „Hildegard-Konzept“.

Doch was soll ich sagen, so einfach war es nicht und ist es auch heute nicht! Ihr Denken war wesentlich umfassender und tiefgründiger.

Gut zu wissen: Tatsächlich finden sich viele ihrer Lehren und Erkenntnisse, wohl ähnlich wieder in der Traditionellen Chinesischen Medizin. Vielleicht einer der Gründe, warum Hildegard auch in Asien sehr populär ist.

Auf der Galerie im Museum am Strom

Ernährung: Essen sollte nicht nur satt machen

Lebensmittel spielten bei Hildegard von Bingen eine wichtige Rolle. Nahrung war für sie mehr als bloße Energieversorgung. Essen gehörte zur Lebensführung. Das macht den Blick auf ihre Ernährung auch heute interessant; allerdings weniger als Verbotsliste und eher als Grundidee. Kommt uns doch heute auch bekannt vor – oder?!

Bewusst essen: Auf den eigenen Körper achten. Das rechte Maß finden. Lebensmittel nicht isoliert betrachten, sondern in einen Lebensrhythmus einordnen und natürlich auch auf die Zusammenstellung der Lebensmittel achten. Gerade hier lohnt sich allerdings der Blick ins Detail. Denn Hildegards naturkundliche und heilkundliche Texte stammen aus dem medizinischen Weltbild des 12. Jahrhunderts. Manche Pflanzenbeschreibungen sind bis heute interessant, andere Vorstellungen sind aus heutiger Sicht überholt oder schlicht nicht mit moderner Medizin vereinbar. Wissenschaftliche Arbeiten zur „Physica“ zeigen zudem, dass Hildegards Texte in den Kontext der mittelalterlichen Medizin eingeordnet werden müssen.

Gut zu wissen: Hildegard von Bingen wußte um die Heilwirkung verschiedener Pflanzen so sagte sie beispielsweise Dinkel gibt rechtes Fleisch und Blut, schafft Freude im Gemüt und heilt den Menschen innerlich, wie eine gute Salbe. Sie sagte auch das Bier hingegen schwermütig macht, Wein in Maßen aber durchaus zum Wohlbefinden beiträgt. Wer weiß, vielleicht einer der Gründe, warum Wein auch heute noch so wichtig in der Region ist.

Für mich bleibt deshalb vor allem eine zeitlose Idee hängen: Essen darf etwas mit Wohlbefinden zu tun haben. Und das beginnt manchmal schon damit, nicht nebenbei zu essen und eben auch bewusster zu essen und zu genießen.

Fruehstueck nach Hildegard von Bingen im Hildegard Forum auf dem Rochusberg
Frühstück nach Hildegard von Bingen im Hildegard Forum auf dem Rochusberg

Kräuter, Natur und die Idee der Viriditas

Noch spannender finde ich Hildegards Verhältnis zur Natur. In ihren Schriften begegnet immer wieder der Begriff Viriditas. Vereinfacht wird er häufig mit „Grünkraft“ oder „grüner Lebenskraft“ übersetzt. Dabei sollte man den Begriff allerding auf gar keinen Fall als mittelalterliches Synonym für „Energie“ oder als esoterisches Wellnesskonzept missverstehen. Viriditas gehört in Hildegards theologisches und naturphilosophisches Denken. Gemeint ist eine Lebenskraft, die mit Wachstum, Lebendigkeit und Schöpfung verbunden ist.

Und auch das wirkt in der heutigen Zeit doch irgendwie erstaunlich vertraut. Denn auch wir suchen heute (wieder vermehrt) den Kontakt zur Natur, gehen in den Wald, wandern durch Weinberge, verbringen Zeit am Wasser oder pflanzen Kräuter in den Garten oder auf dem Balkon.

Nicht, weil wir glauben müssen, damit Krankheiten wegzuwandern. Sondern weil wir merken, dass uns Natur gut tut. Genau diese Verbindung fand ich persönlich auch sehr spannend bei meiner Reise nach Bingen.

Im Hildegarten am Rhein neben dem Museum am Strom
Hildegarten am Rhein neben dem Museum am Strom
Im Kräutergarten vom Hildegardforum auf dem Rochusberg
Kräutergarten vom Hildegard Forum auf dem Rochusberg

Das richtige Maß: Vielleicht ist das Hildegards modernste Idee

Eine Sache gefällt mir an der Auseinandersetzung mit Hildegard besonders: Bei ihr geht es nicht ausschließlich um das Was, sondern auch um das Wie viel. Essen. Arbeiten. Ruhen. Beten. Bewegen. Genießen. Nicht alles maximal.

Und auch hier finden wir vielleicht die eine oder andere interessante Brücke zu unserem heutigen WellBeing-Verständnis. Denn moderner Wellnesskonsum kann durchaus ins Gegenteil kippen: noch ein Treatment, noch ein Retreat, noch ein Superfood, noch ein Selbstoptimierungsprogramm.

Hildegards Ansatz lässt sich viel weniger spektakulär lesen. Vielleicht tut nicht mehr immer besser. Ist es nicht eher das richtige Maß, das uns gut tut?

Hildegard von Bingen Visionen im Museum am Strom

Auf den Spuren Hildegards durch Bingen

Doch wer Hildegard wirklich verstehen möchte, sollte eben nicht nur über sie lesen. Besser ist es, sich in Bingen, wie ich, auf die Suche zu machen. Dafür gibt es heute übrigens einige Möglichkeiten und dich möchte ich dir nachfolgend etwas genauer vorstellen.

#1 Museum am Strom in Bingen: Hier beginnt die Spurensuche nach Hildegard von Bingen

Mein wichtigster Tipp für einen ersten Zugang zu Hildegard von Bingen ist das Museum am Strom. Hier wird Hildegards Leben, Werk und Zeit anschaulich vermittelt. Die Ausstellung beschäftigt sich nicht nur mit der berühmten Visionärin, sondern hilft auch dabei, die Frau im historischen Kontext des 12. Jahrhunderts zu verstehen.

Genau dieses Verständnis ist enorm wichtig. Denn vieles, was wir heute über Hildegard von Bingen zu wissen glauben, wurde über Jahrhunderte weitererzählt, ausgeschmückt und interpretiert. Das Museum selbst weist darauf hin, dass das heutige Bild der Hildegard stark von späteren Legenden überlagert ist und versucht, die historische Person genauer zu fassen.

Gut zu wissen: Aktuell ist das Museum regulär dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Mein Tipp: Nicht einfach nur durchlaufen. Eine Führung lohnt sich hier besonders und kann extra hinzugebucht werden. Denn neben der Ausstellung über Hildegard von Bingen findest du auch Ausstellungen zur Rheinromantik und Stadtgeschichte von den Römern bis heute im historischen Elektrizitätswerk von 1898. Als eine archäologische Sensation gilt auch das 67 Instrumente umfassende „Binger Ärztebesteck“ aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Tatsächlich der weltweit größte Fund zur antiken Medizin. Mehr Infos zum Museum am Strom HIER.

Vor dem Museum am Strom in Bingen
Museum am Strom in der Ausstellung ueber Hildegard von Bingen

#2 Der Hildegarten: Kräuter mit Geschichte am Ufer des Rheins

Direkt neben dem Museum, geschützt durch hohe Hecken, liegt der Hildegarten. Vermutlich hast du es gleich erkannt, der Name ist ein kleines Wortspiel, denn es handelt sich bei diesem Garten ausdrücklich nicht um einen originalen mittelalterlichen Klostergarten. Vielmehr werden hier Pflanzen gezeigt, die in Hildegards naturkundlichem Werk beschrieben werden oder eben auch nicht. Die Anlage macht damit einen Teil ihrer „Physica“ anschaulich.

Genau das gefällt mir übrigens an solchen Orten: Ich kann nicht nur etwas über die Pflanze lesen, sondern sie mir genau anschauen und ihren Duft in mir aufnehmen. Riechen. Anschauen. Anfassen. Für mich verändert das absolut den Zugang – gehts dir auch so?

Im Hildegarten Bingen neben dem Museum am Strom in Bingen, direkt am Rhein

#3 Der Rupertsberg: Der Ort, an dem Hildegard von Bingen wirklich wirkte

Der Rupertsberg war wohl Hildegards wichtigster Wirkungsort in Bingen. Hier gründete sie um 1150 ihr eigenes Kloster. Hier starb sie 1179.

Tatsächlich ist das Kloster selbst allerdings längst verschwunden. Heute erinnern nur noch Reste an die frühere Klosteranlage, denn im Dreißigjährigen Krieg wurde die Anlage 1632 weitgehend zerstört.

Doch seit einiger Zeit lohnt es dennoch, diesen wichtigen Ort für Hildegard von Bingen inzwischen wieder zu besuchen. In der Villa am Rupertsberg sind fünf Originalarkaden der ehemaligen Klosterkirche erhalten. Und Dank digitaler Technik lässt sich das verschwundene Kloster heute wieder sichtbar machen. Der „Fahrstuhl in die Vergangenheit“ verbindet die vorhandenen Originalreste mit einer virtuellen Rekonstruktion.

Modell vom Kloster auf dem Rupertsberg Bingen
Fahrstuhl in die Vergangenheit auf dem Rupertsberg
#4 Das Hildegardzentrum auf dem Rupertsberg: Weniger Ausstellung. Mehr Atmosphäre.

Nur wenige Schritte weiter wartet mit dem Hildegardzentrum in der Kirche St. Rupertus und St. Hildegard ein weiterer Ort, an dem man sich dem Thema „Hildegard von Bingen“ nähern kann.

Die Kirche versteht sich heute als offener Ort für Ruhe, Gastfreundschaft, Gebet und Information. Über ein multimediales System können die Besucher besondere Lichtstimmungen, Orgelmusik oder auch ergreifende Gesänge und gesprochene Texte wählen, beispielsweise um selber zu beten, zu meditieren oder einfach nur, um die besondere Stimmung in sich aufzunehmen.

Darüber hinaus findest du in der Kirche auch die Reliquien der heiligen Hildegard und des
heiligen Rupertus. Sie lagern in einem kleinen Schrein, hinter einer Glasscheibe, neben der Eingangstür. Ebenfalls sehr beeindruckend sind die bunten Kirchen-Fenster im Kreuzschiff. Sie stellen das Leben und Wirken der heiligen Hildegard dar.

Für mich persönlich ist dieser Ort ein spannender Kontrast und natürlich auch eine perfekte Ergänzung zum Besuch im klassischen Museum.

Gut zu wissen: Die Kirche liegt übrigens am Hildegard von Bingen Pilgerwanderweg (von Idar-Oberstein nach Bingen) und am Ausoniuswanderweg / Hunsrücker Wanderweg (von Trier nach Bingen). Mehr Infos zum Hildegardzentrum auf dem Rupertsberg HIER.

Hildegardzentrum in der Kirche auf dem Rupertsberg

#5 Unterwegs auf dem Rochusberg

Auch auf dem Rochusberg bin ich Hildegard wohl ganz nahe, denn es ist das Zuhause der Hildegard Kreuzschwestern. Ob Hildegard selber jemals auf dem Rochusberg war, ist allerdings nicht bekannt, doch die Vermutung liegt nahe, schon weil er nicht besonders weit vom Rupertsberg entfernt liegt.

Auf welchem Berg Hildegard aber definitv gelebt hat, ist der Disibodenberg, ganz in der Nähe (ca. 40 Kilometer von Bingen entfernt) später dann, wie bereits erwähnt, der Rupertsberg, auf dem sie auch die leitende Äbtissin war. Doch zurück zum Rochusberg, was es dort rund um Hildegard von Bingen zu entdecken gibt, verrate ich dir natürlich umgehend.

Gut zu wissen: Mit bereits 14 Jahren ging Hildegard ins Kloster, bevor sie dann viel viel später eine Erlaubnis erhielt, ihr eigenes Kloster, direkt in Bingen auf dem bereits erwähnten Rupertsberg, zu bauen.

Auf dem Rochusburg am Pavillion mit Blick ueber Bingen

#6 Die Rochuskapelle

Auf dem Rochusberg steht die Rochuskapelle, die heute eng mit der Binger Hildegard-Tradition verbunden ist. In der Kapelle befindet sich ein großer Hildegard- und Rupertus-Altar. Die Kapelle selbst geht auf eine Pestkapelle zurück und wurde später Teil der regionalen Hildegard-Erinnerung.

Der eigentliche Reiz dieses Ortes liegt für mich aber nicht nur im historischen Detail. Viel mehr ist es die Kombination aus Kirche, Weinberge, Höhe, Rheinblick, Ruhe und Kraftort. All das konnte ich hier oben gut spüren.

Rochuskapelle auf dem Rochusberg Bingen

#7 Das Hildegard-Forum

Ganz in der Nähe, praktisch gleich nebenan, liegt das Hildegard-Forum der Kreuzschwestern. Es verbindet Kräuter- und Obstgarten, Restaurant, Hotel, Veranstaltungen und Bildungsangebote rund um Hildegard von Bingen. Im Heilkräutergarten wachsen rund 80 Heilpflanzen und Bäume, die in der „Physica“ beschrieben sind.

Übrigens auch übernachten kannst du im Forum. Das ans Stift angegliederte Hotel verfügt aktuell über 13 barrierefreie Zimmer und liegt mitten in den Weinbergen auf dem Rochusberg. Angeboten wird unter anderem ein von Hildegard von Bingen inspiriertes Frühstück.

Damit ist das Hildegard-Forum tatsächlich einer der Orte, an denen sich Thema und Reiseerlebnis besonders unmittelbar miteinander verbinden lassen. Es entsteht ein wenig „ich übernachte im Kloster“ Atmospähre.

Schon bei meiner ersten Reise nach Bingen, vor fast genau 10 Jahren, durfte ich im Klosterhotel des Hildegard Forums übernachten. Ich kam damals gegen frühen Abend in Bingen an. Mein Navigationssystem sagte, ich muß nach oben auf den Berg, um zu meinem Hotel zu gelangen. Gesagt getan, ich düste den steilen Berg in Schlangenlinien hoch. Oben angekommen wurde geparkt (am Hotel gibt es genug kostenfreie Parkplätze) und dann ging es direkt ins ‚Kloster‘. Eingecheckt wird am Abend mit einem Zahlencode; neben der Hoteltür. Der Zimmerschlüssel ist in einer Box hinterlegt, die lässt sich mit einem zweiten Zahlencode öffnen (hat was von einem Escape Game Room). Alle Zahlencodes hab ich vorher übrigens per Mail gesendet bekommen. Damals bezog ich Zimmer Nummer 12, bei meiner letzten Reise war es Zimmer 7.

Gut zu wissen: Die Zimmer sind, gemütlich, sehr sauber und gut ausgestattet. Flasche Wasser zur Begrüßung, freies WLan, ein barrierefreies Bad mit Dusche, ein Schreibtisch, TV, Schrank, Spiegel und ein gemütliches Bett. Würdest du solche Zimmer im Kloster erwarten? Mehr Infos zum Hildegard Forum auf dem Rochusberg HIER.

Hildegard Forum, Moeglichkeiten zur Andacht im Hildegard Forum auf dem Rochusberg in Bingen
Kraeutergarten nach Hildegard von Bingen auf dem Rochusberg in Bingen am Hildegard Forum

#8 Klosterrunde auf dem Rochusberg: Kleine Wanderung, große Ausblicke

Wer Hildegard nicht nur zwischen Museum und historischen Mauern begegnen möchte, kann auf dem Rochusberg die Wanderschuhe schnüren. Die neue Klosterrunde ist mit etwas mehr als drei Kilometern eine überschaubare Tour und gerade deshalb perfekt für einen Spaziergang zwischendurch oder als Ergänzung zu einer Hildegard-Erkundung durch Bingen.

Der Weg führt zunächst an der Rochuskapelle vorbei, lädt zu einem wundervollen Ausblick auf den Rhein ein, bevor es anschließend durch die Weinberge geht. Immer wieder öffnen sich dabei schöne Ausblicke in die Landschaft. Ein Stück der Runde verläuft außerdem durch den Wald, sodass die Strecke angenehm abwechslungsreich bleibt: Kapelle, Reben, Wald und Weite liegen hier auf wenigen Kilometern dicht beieinander.

Besonders schön finde ich, dass die Klosterrunde nicht wie ein reiner Wanderweg von A nach B wirkt. Sie verbindet Landschaft und Hildegard-Thema ganz selbstverständlich. Wer vorher im Museum am Strom oder am Rupertsberg in die Geschichte eingetaucht ist, bekommt hier die passende Portion Bewegung und Natur dazu. Rund drei Kilometer sind dabei schnell geschafft. Trotzdem fühlt sich die Tour nach deutlich mehr an, nicht zuletzt wegen der abwechslungsreichen Landschaft und der Blicke über die malerischen Weinberge.

Wanderwege auf dem Rochusberg (c) Hana Beer
Wanderwege auf dem Rochusberg (c) Hana Beer
Klosterrunde auf dem Rochusberg (c) Hana Beer

#9 Der Binger Hildegard-Weg

Wer nicht nur einzelne Punkte abklappern möchte, kann Hildegard auch Schritt für Schritt durch die Stadt entdecken. Der Binger Hildegard-Weg verbindet Erinnerungsorte und Wirkungsstätten Hildegards mit dem heutigen Stadtbild. Die Route führt durch unterschiedliche Bereiche Bingens und macht sichtbar, wie stark die mittelalterliche Geschichte noch heute mit der Stadt verbunden ist.

Ingesamt führt die Tour vorbei an 18 Sehenswürdigkeiten in Bingen und Bauwerken rund um Hildegard von Bingen. Vom Museum am Strom (Startpunkt) mit Hildegarten, über die Salzstraße, Speisemarkt, Kapuzinerstraße, Burggraben, Burg Klopp, die Basilika, Hildegardis-Brunnen, Rupertsberg bis hin zum Hildegard Forum mit Rochuskapelle.

Auf den Spuren von Hildegard von Bingen: Rochusberg, Kirche, Hildegarten, Museum am Strom

#10 Hildegard-von-Bingen-Pilgerweg

Noch eine Nummer größer gedacht ist der Hildegard-von-Bingen-Pilgerwanderweg. Ich habe ihn schon kurz erwähnt unter #4 Hildegardzentrum auf dem Rupertsberg. Der Pilgerweg führt auf fast 140 Kilometern von Idar-Oberstein nach Bingen und verbindet wichtige Stationen aus Hildegards Leben, darunter auch den Disibodenberg und Sponheim.

Wenn du also mehr als ein Wochenende Zeit hast, kannst du das Thema buchstäblich erwandern oder besser gesagt komplett erpilgern.

Blick ueber die Weinberge auf dem Rochusberg Bingen

#11 Disibodenberg: Wo Hildegards Weg begann

Wer Hildegard von Bingen wirklich verstehen möchte, sollte Bingen einmal verlassen und zum Disibodenberg fahren. Denn hier begann ein wichtiger Abschnitt ihres Lebens. Mit etwa 14 Jahren kam Hildegard gemeinsam mit Jutta von Sponheim in die Klause des Frauenkonvents auf dem Disibodenberg. Nach Juttas Tod übernahm sie 1136 die Leitung der Gemeinsachaft.

Auch ihre berühmten Visionen spielen an diesem Ort eine wichtige Rolle: 1141 vertraute sich Hildegard erstmals einem Mönch des Disibodenbergs an und berichtete ihm von den Visionen, die sie nach eigener Aussage bereits seit ihrer Kindheit begleiteten. Diese Begegnung gilt als wichtiger Wendepunkt in ihrem Leben und war schließlich der Ausgangspunkt dafür, dass sie begann, ihre Visionen aufzuschreiben.

Heute stehen auf dem Disibodenberg vor allem die Ruinen des ehemaligen Klosters. Zwischen alten Mauerresten, Bäumen und Wiesen lässt sich allerdings noch immer erahnen, wie abgeschieden dieser Ort einst gewesen sein muss. Auch heute ist die besondere Atmosphäre durchaus zu spüren.

Doch ob man an diesem Ort tatsächlich etwas von der oft beschworenen „Kraft“ des Disibodenbergs spürt, muss jeder selbst herausfinden. Sehenswert und spannend ist er allemal, nicht zuletzt, weil sich hier ein Stück von Hildegards Geschichte unmittelbar vor Ort entdecken lässt.

Klosterruine am Disibodenberg (c) Gabriele Frijio / Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH
Klosterruine am Disibodenberg (c) Gabriele Frijio / Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH

#12 Essen nach Hildegard: Dinkel, Kräuter und das richtige Maß

Hildegard von Bingen und Essen, das gehört in Bingen natürlich zusammen. Doch auch hier lohnt sich ein genauer Blick: Nicht jedes Gericht mit Dinkel oder Kräutern ist automatisch „Hildegard-Küche“.

Im Hildegard Forum auf dem Rochusberg ist die Verbindung dagegen ganz bewusst Teil des Konzepts. Das Restaurant orientiert sich an Hildegards Gedanken zur Ernährung, verbindet diese heute allerdings ausdrücklich mit modernen ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen. Auf der Speisekarte finden sich entsprechend Gerichte und Zutaten, die von der Hildegard-Tradition inspiriert sind. Ich habe dort selbst gegessen und fand gerade diese Mischung spannend: Es geht weniger um ein mittelalterliches „Heilmenü“ als um bewusstes, genussvolles Essen mit Kräutern, Gewürzen und regionalen Produkten.

Auch an anderen Stellen in Bingen begegnet einem Hildegard kulinarisch. Im Restaurant Burg Klopp steht aktuell beispielsweise eine „7-Kräutersuppe nach Hildegard von Bingen“ auf der Speisekarte. Im Hotel Café Köppel gibt es ein „Hildegard von Bingen-Frühstück“ mit Kräuterrührei, Vollkornbrötchen, Honig und Butter.

Für mich ist das eine schöne Möglichkeit, sich dem Thema nicht nur über Bücher und historische Orte zu nähern, sondern auch über den Geschmack. Denn manchmal versteht man eine Tradition erst richtig, wenn man sie probiert.

Mein Tipp: Wer Hildegard kulinarisch erleben möchte, sollte beim Restaurantbesuch nachfragen, welche Gerichte aktuell tatsächlich von ihren Schriften oder ihrer Ernährungslehre inspiriert sind. Die Angebote können sich saisonal verändern.

Essen nach Hildegard von Bingen im Hildegard Forum auf dem Rochusberg

Hildegard und moderne Wellness: Wo liegen die Grenzen?

Gerade weil Hildegard von Bingen heute so stark mit Gesundheit verbunden wird, lohnt sich ein genauer Blick. Ihre naturkundlichen und heilkundlichen Werke sind wichtige historische Quellen. Die „Physica“ beschreibt Pflanzen, Tiere, Steine und andere Naturdinge und ihre damals zugeschriebenen Eigenschaften; „Causae et curae“ beschäftigt sich mit Ursachen und Behandlung von Krankheiten.

Aber daraus folgt nicht, dass Hildegards Empfehlungen heute moderne Medizin ersetzen. Der Begriff „Hildegard-Medizin“ selbst ist vielmehr ein Produkt moderner Rezeption. Er wurde im 20. Jahrhundert vor allem durch den Arzt Gottfried Hertzka geprägt, der ab 1970 ein eigenes, auf Hildegards Schriften bezogenes Heilsystem verbreitete.

Mir persönlich ist es sehr wichtig, genau das klarzustellen. Denn zwischen „Hildegard beobachtete und beschrieb Pflanzen und ihre damaligen Anwendungen“ und „Dieses Hildegard-Rezept heilt heute Krankheit XY“ liegt ein gewaltiger Unterschied.

Wer sich mit Hildegard beschäftigt, sollte deshalb historische Überlieferung und moderne Gesundheitsversprechen nicht in einen Topf werfen.

Zum Sonnenuntergang am Rhein in Bingen

Was von Hildegard heute allerdings modern wirkt

So sehr ich auch von Kräutern und deren Wirkung interesiert bin, so ist es bei Hildgard von Bingen doch etwas ganz anders, also nicht einfach irgendwelche Kräuterrzepte oder Kräuterwissen, was mich fasziniert. Es ist ihr umfassender Blick auf den Menschen. Sie betrachtete den Menschen nicht isoliert.

  • Da sind Ernährung und Natur.
  • Da sind Aktivität und Ruhe.
  • Da sind Gefühle, Spiritualität und Gemeinschaft.
  • Da ist Musik.
  • Da ist die Beziehung zur Schöpfung.
  • Und vor allen Dingen ist da ist die Suche nach einem Leben im richtigen Maß.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, doch für mich klingt das heute fast schon etwas wie ein modernes WellBeing-Konzept. Wobei Hildegard wahrscheinlich nicht von Selbstoptimierung sprechen würde. Wobei das natürlich auch als eine Art später Botschaft an unsere Gegenwart und Gesellschaft zu verstehen sein könnnte: Nicht ständig besser funktionieren. Sondern wieder besser leben.

Hildegard von Bingen heute modern leben, zu Gast im Hildegard Forum der Kreuzschwestern auf dem Rochusberg

Warum in Bingen Wellness auch ohne Spa funktioniert!

Bingen liegt am Zusammenfluss von Rhein und Nahe. Weinberge, Flusslandschaft und Binger Wald liegen eng beieinander. Im Umland gibt es zahlreiche Wanderwege; unter anderem verlaufen RheinBurgenWeg, Soonwaldsteig, Nahehöhenweg, Hildegard-Pilgerweg und Weinwanderweg durch beziehungsweise nach Bingen.

Damit wird aus einem historischen Thema ganz automatisch ein aktiver Kurzurlaub mit überraschend viel Entdeckermomenten. Beispielsweise kannst du morgens durch die Weinberge laufen. Am Mittag regionale Küche auf dem Rochusberg im Hildegard Forum genießen. Den Nachmittag nutzen um eine Runde durch das Museum am Strom zu streifen und einen Abstecher auf den Rupertsberg unternehmen. Später gönnst du dir ein Glas Wein mit Blick auf den Rhein, idealerweise bis die Sonne spektakulär am Himmel untergeht. Und danach… tust du vielleicht einfach nichts mehr!

Glaube mir, auch das kann durchaus Wellness sein.

Im Hildegarten neben dem Museum am Strom Bingen

Kurz zusammengefasst: Was Hildegard von Bingen mit Wellness zu tun hat

Nein, Hildegard von Bingen hat kein Wellnessprogramm erfunden. Sie hatte auch keine Spa-Behandlungen und kein Konzept für Wochenend-Retreats. Was sie allerdings hinterlassen hat, ist ein bemerkenswert umfassendes Denken über den Menschen und seine Verbindung mit der Welt.

In Bingen wird aus einer historischen Persönlichkeit aber plötzlich ein Reiseerlebnis. Du kannst ihre Geschichte im Museum kennenlernen und du kannst Kräuter, auf die sie vertraut hat und die sie genutzt hat, sehen und riechen. Du kannst auf dem Rupertsberg dort stehen, wo Hildegard ihr Kloster gründete oder du wanderst durch die Weinberge am Rochusberg. Wenn du magst, kannst du aber auch einfach am Rhein sitzen, Wein trinken auf den Fluss schauen und dir überlegen, dass auch Hildegard genau hier gestanden haben könnte.

Eventuell stellst du aber auch einfach fest, dass du gerade ziemlich weit weg bist von dem Alltag, mit dem du angekommen bist und dir wird klar: Es geht eben nicht immer darum möglichst viel für sich tun zu müssen. Sondern wieder wahrzunehmen, was einem wirklich guttut.

Genau dafür ist Bingen tatsächlich ein ziemlich guter Ort.

Wer sich mit den Schriften von Hildegard von Bingen beschäftigt, der erkennt immer wieder, „der Mensch steht im Mittelpunkt ihrer Arbeit“. Der Mensch ist mit Einsicht, Erkenntnisfähigkeit, Vernunft und freiem Willen ausgestattet und genau das soll er auch nutzen. Leider funktionierte das damals nicht und auch heute „immer“ noch nicht wirklich. Aber auch diese Tatsache hatte Hildegard schon vor fast 1000 Jahren erkannt. Das lasse ich an dieser Stelle einfach mal so stehen!

Wandern auf dem Rochusberg Bingen

*Ich bedanke mich herzlich für die Einladung von Bingen Tourismus zu diesem Recherche-Aufenthalt. Dieser Artikel wurde im Sommer 2026 umfangreich überarbeitet.

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Tanja Klindworth

Hier schreibt Tanja Klindworth

Tanja Klindworth ist nicht nur das Herz der SPANESS-Redaktion. Sie schreibt darüber hinaus auch für andere Blogs, Webseiten, Reise- und Fachmagazine. Ob online oder als Print-Variante. Ihre Fachbereiche sind: Wellnesstrends, Gesundheit, Urlaub und Reise. Zusätzlich ist sie auch als Reisebloggerin tätig.

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Kommentare
  1. Sehr schöner Bericht. Ich lebe ja hier und im Forum war ich immer mit meiner kleinen Großen (11) und 2 anderen Müttern mit Babys zum Kaffee trinken, da dort Kinder willkommen waren, vom Hotel wusste ich gar nichts, doch mein letzter Besuch auf dem Berg ist lange her und ich denke immer, da muss ich mal wieder hin.
    Jetzt ist ja auch der Hildegard Pilgerweg ganz neu eröffnet worden, wir leben hier im Hildegard Land, doch wer hier wohnt, dem ist sie nicht so present, wie wenn man fremd ist, nehme ich an.
    Da die Besitzerin des Duisibodenberg nach Streitigkeiten wieder freigegeben hat werden wir im Spätherbst mal wieder hin, denn am schönsten ist der, wenn die Bäume keine Blätter mehr haben

  2. Sissi sagt:

    Es ist interessant, durch deinen Beitrag auf den Spuren von H.v.Bingen zu reisen. Ich war in Bad Kreuzen 8Mühlviertel), wo man sich auch mit ihrer Medizin beschäftigt. lg